Jane’s Talk im Kinosaal: Frauen machen Stadt – Wie gelingt die Verkehrswende am Ring?
Am Tag des Zu-Fuß-Gehens, dem 27. April 2026, diskutierten im Gartenbaukino am Parkring fünf Expert:innen über die geplante Umgestaltung der Wiener Ringstraße. Die Podiumsdiskussion war eingebettet in einen Nachmittag mit einer Pop-up-Zebrastreifen-Aktion vor dem Kino und einem anschließenden Filmscreening – organisiert von Jane’s Walk Vienna und Geht-Doch.





Die von Andreas Lindinger von Jane’s Walk Vienna moderierte Diskussion machte schnell deutlich, dass die Ringstraßen-Umgestaltung weit mehr ist als ein Radweg-Projekt. Julia Girardi-Hoog brachte die Gender-Perspektive ein: Care-Arbeit, Kinderwege, Hitzebelastung – all das sei am Ring derzeit schwierig. Sicherheit, gerade für Frauen bei Nacht, hänge an guter Beleuchtung, müsse aber auch den Naturschutz mitdenken. Ihr Appell: Wenn man nicht aktiv für das Zu-Fuß-Gehen kämpft, erodiert der Raum dafür.
Petra Jens, Wiens Fußgängerbeauftragte, brachte es auf einen einfachen Punkt: Bei einer so breiten Straße so wenig Platz für Gehende – das müsse sich ändern. Mehr Platz, mehr Qualität, Begrünung, Sitzgelegenheiten – ein Ort, an dem man gerne geht. Die Resonanz auf die bisherige Projektvorstellung sei positiv gewesen.
Harald Frey von der TU Wien ordnete die Umgestaltung als richtigen Schritt ein, verwies aber auf die Multimodalität am Ring – U-Bahn, Straßenbahn, Auto, Rad, Fußverkehr – und die zahlreichen Konfliktbereiche. Er betonte die Bedeutung der Randbereiche und erinnerte an gelungene Gestaltungen aus den 1950er-Jahren, etwa vor dem Burgtheater oder am Lugeck, wo sich Menschen bis heute gerne aufhalten.
Matthias Nagler vom ÖAMTC unterstrich, dass die meisten Wiener ÖAMTC-Mitglieder ohnehin multimodal unterwegs seien und jede:r letztlich auch Fußgänger:in sei. Der ÖAMTC-Ansatz setzt auf eine klare Trennung der Verkehrsarten. Bei der Frage der Querungen – genau dort, wo der Radweg gekreuzt werden muss – sah er den zentralen Konfliktpunkt. Die Infrastruktur müsse widerspiegeln, dass der Ring für alle da ist.





Die Frage „Für wen wird geplant?“ zog sich als roter Faden durch die Diskussion. Unterschiedliche Verhaltensmuster, unterschiedliche Bedürfnisse: Frauen mit Kindern, Schwangere und ältere Menschen haben ein höheres Sicherheitsbedürfnis. Kinder hätten teils Angst vor Radfahrenden – es brauche einen „Ehrenkodex“, dass auf die Schwächsten geschaut wird. Schöne Pläne seien das eine, das tatsächliche Verhalten der Menschen das andere.
Cornelia Dlabaja brachte die Forscherinnenperspektive und drei Ebenen ein: Tagestourist:innen von Flusskreuzfahrten, die den Ring als Transitraum nutzen, die Implementierung des Bussystems am Schwedenplatz und die Frage, ob es ein Destinationsleitsystem braucht. Sie weitete den Blick über den Ring hinaus: Am Gürtel seien Menschen mit niedrigen Einkommen und knappem Wohnraum höheren Emissionen, mehr Krankheiten und geringerer Lebenserwartung ausgesetzt als im 1. Bezirk. Bottom-up-Engagement sei der wichtigste Hebel – die Zivilgesellschaft müsse sich einbringen. Und: Fußgänger:innen gehen dorthin, wo sie wollen. Es sei nicht die Planung allein, sondern die Menschen selbst, die entscheiden, was sie brauchen.





Zur Frage, ob es schneller gehen könnte, herrschte differenzierte Einigkeit: Wahrscheinlich ja – aber es mache Sinn, einen Abschnitt umzusetzen, zu beobachten und daraus zu lernen. Probieren geht über Studieren.
Die Abschlussrunde lieferte klare Bilder: konsequente Trennung der Verkehrsarten, ausreichend Budget für die Umgestaltung, Raum für alle Verkehrsträger, eine sichtbare und spürbare Verbesserung. Die Ringstraße als Prachtstraße sei identitär für ganz Wien – ein Ort, an dem Tourist:innen und Bewohner:innen beobachten können, ohne zu kollidieren. Eyes on the Street – ganz im Sinne von Jane Jacobs. Und der Wunsch: Diskutieren wir die besten Lösungen mit einer positiven Fehlerkultur. Jane Jacobs würde wohl als Erstes sagen: Treten wir miteinander in den Austausch.
Fotocredit: Peter Provaznik, Geht-Doch



